Obertongesang

Obertongesang ist die Kunst, zwei Töne scheinbar gleichzeitig zu singen. Der Ton einer normalen Stimme besteht aus vielen Teiltönen (den Obertönen eben), die alle mit unterschiedlichen Lautstärken gleichzeitig klingen. In unserer westlichen Hörkultur sind wir gewohnt, einen solchen Klang als Ganzes wahrzunehmen. Dabei hören wir die Tonhöhe des gesungenen Grundtons, aber auch die Klangfarbe, die sich aus den Lautstärken der Obertöne ergibt.

Im Obertongesang spielen wir mit diesem Klang der Stimme und machen einzelne Teiltöne viel lauter als die anderen, so daß sie plötzlich als eigenständiger Ton wahrnehmbar sind. Diese Obertöne klingen dann wie Pfeif- oder Flötentöne, die viel höher sind als die normale Stimme. Zuhörer die das noch nicht kennen fragen dann oft, wo das zusätzliche Instrument im Raum herkommt, weil sie diesen neuen Klang gar nicht dem Mensch zuordnen, der vor ihnen singt.

Mit etwas Übung ist es möglich, mit den Obertönen auch Melodien und ganze Lieder zu singen. Fortgeschrittene Obertonsänger können den Grundton und den Oberton scheinbar unabhängig voneinander variieren und sind so in der Lage, zweistimmig zu singen.

Was für mich den besonderen Reiz des Obertongesangs ausmacht, ist jedoch nicht so sehr die Herausforderung, fortgeschrittene polyphone Stücke zu singen, sondern vielmehr die enorme Sensibilisierung des Gehörs, die bei Menschen stattfindet, die sich mit Obertongesang beschäftigen. Klänge werden plötzlich multidimensional wahrgenommen, und feine Nuancen und Details in der Klangfarbe werden hörbar. Das eigene Klangerlebnis beim Singen und Zuhören wird dadurch stark erweitert.
Deshalb singen Menschen, die Obertöne hören können, auch ganz anders miteinander und ihre Stimmen verschmelzen zu einem ganz besonderen Klang, den ich auch gerne in dieser Klanggruppe hören möchte.